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Ach, eigentlich gehts mir doch gut. Die Sonne scheint, ich fahre Zug, ich schlafe in einem Zelt und doch in einem Zimmer und mein Verlobter schickt mir anzügliche Kurznachrichten. Check!
11.5.12 12:30


Im Waschraum sehe ich, wie aus dem Mülleimer unter einem Becken ein langer, recht dünner Borstenpinsel herausragt. Bei eingehender Untersuchung stelle ich fest, dass außerdem eine Reibe, wie sie etwa für das Abschaben einer Zitronenschale benutzt wird, im Gewirr von Staubmäusen liegt. Zwar kann ich mich nicht daran erinnern, diese Gegenstände mitgenommen, geschweige denn - eingepackt zu haben, bin aber sicher, dass sie mir gehören. Da ich mir eben die Hände gewaschen habe, arrangiere ich mich mit dem Verlust, der ein besonders großer nicht ist und verlasse den Raum.

Einige Stunden später steht die Wächterin im Gang vor dem Schlafräumen und befragt alle Passierenden nach Pinsel und Reibe, die sie in den rudernden Armen hält. "Hast du sie verloren oder fortgeworfen?" fragt sie mich, doch ich verneine, weil ich annehme, sie möchte lediglich sicherstellen, dass sie kein fremdes Eigentum an sich nimmt, wenn sie Pinsel und Reibe behält.

Dass ich irre, erkenne ich später bei einer Gruppenversammlung, für die eigens ein Direktor erschienen ist, der drohend die Gegenstände seiner Entrüstung in die Luft spießt und zu Geständnissen animiert. Mir fällt wie Schuppen von den Augen, dass an diesem Ort solcher Abfall ganz besonders entsorgt werden muss, ein Gesetz von skurriler und beliebiger Natur, an das sich jeder hält, wenngleich er nebenher den Kadaver seines toten Kaninchens ins den Abfall wirft.

Mich überkommt Scham. Es gibt kaum einen Hinweis auf mich, doch schon beginnen die Kombinationen, die unweigerlich zumindest einen Verdacht auf mich lenken werden. Bei der Aussicht darauf, auch gegen mein Gewissen auf meiner Unschuld zu beharren, werde ich unendlich müde. Ich hadere mit einer Beichte: nachdem ich leugnete? Gar mit spöttischem Unterton? Ich feilsche mit meinem Stolz und raffe danach mein Schamkleid.

Meinem fiebrigen Geständnis folgt eine feurige Absage an den Sinn des Gesetzes und des Aufwands bei der Ahndung eines solch lächerlichen Vergehens, während täglich und ganz öffentlich die Menschenwürde verletzt wird. "Danke, ich bin schuldig, doch bin mir keiner Schuld bewusst."
10.5.12 13:39


Frühlingsgedicht


Gestern im Garten gepumpt
dann Rumpsteak gegrillt
und eine Flasche Gin gekippt

Heut' schon geweint
die Wäsche gewaschen
und wütend gewesen

Einsamkeit kennt keine Grenzen
5.5.12 15:35


Viele Worte für den Hof zwischen Pflastersteinen und Überdachung der S-Bahn-Station Nordbahnhof. Grüne Blätter hängen über dürres Holz geworfen. Wo Licht ungehindert in die Waagrechte fällt, bleicht die Farbe das Auge. Ich senke den Blick. Der Jammermantel des Sommers hängt zwischen Pflasterstein und Himmel, ich senke den Blick. Wenn es dämmrig wird gehst du herum, wenn ich hinter dir bin, gehst du vor mir und wenn ich warte bist du längst fort. Da liegt noch ein Papier auf dem Bahnsteig, unter vielsilbigen Blättern und Büschen, den Bienen dem Flieder den Rosen - oh, wie man verloren gehen kann, im Park, wenn es dunkel wird. Wer läuft vorbei: Ein Mann mit Kind und Hund, ein Mann mit Frau, ein Mann mit Freunden, ein Mann mit Beinen und Armen, er rennt, er stolpert, schlirrt Schritte in Staub.
4.5.12 13:38


Wenn die Kleine gesund nach Hause kommt und wieder im eigenen Bett schlafen kann, dann will ich ihr ein Päckchen schicken - voll mit Süßigkeiten und Hello-Kitty-Kram. Als wollte ich mich bei ihr bedanken, dass sie nicht aufgegeben hat, uns keinen Graben ins Leben gerissen hat, unser Leben verschont - vor dem Verlust, den sie hätte anrichten können. Aber kann ich ihr dankbar sein? Natürlich habe ich gebetet, gefleht, zur Wand gedreht geschrieen - zu wem? Zu Gott? Dann jedenfalls: Danke, Gott.
2.5.12 11:19


Öffne ich das Fenster zur Straße nur einen Spalt, rinnt Zauber hinein und zieht eine blinde Spur über die Wand hinab, bevor ein kräftiger Stoß die Öffnung ausfüllt und nicht innehält, ehe das Zimmer bis an den Rand vollgelaufen ist. Das geschieht auf gleiche Weise, wenn ich das Fenster von außen her nach innen öffne, der Zauber fließt hinaus, die Hauswand entlang auf die Straße - bis zum Horizont, bis die Stadt bis an die Masten im Zauber liegt.
19.4.12 00:24


Perlen vor die Säue und Wein in den Blumentopf. Es ist zu kalt um aus dem Bett zu kriechen, zu dunkel auch. Meine Gleichgültigkeit hält sich zwar Kälber, die liefern aber keine Milch. Ich werd jetzt nicht politisch, fänds aber grauenhaft in einer patriarchalischen Gesellschaft zu landen. Ich kann auch keinen Dostojewski mehr lesen. Die Diminutive und Patronyme geistern sich mir als enge und überheizte Kammern hoch, darin Menschen mit stinkenden Kutten in denen sie in grämiger Eintracht mit Wanzen zusammenleben. Nach außen hin dann Sahnetupfer und Würfelzucker. Selbstverständlich hält man einer Frau die Tür auf und steht in der Metro auf, damit sie sich setzt, aber warum kapieren die Leute nicht, dass diese Höflichkeit nur Beschiss ist. Was kümmerts eine Frau, ob sie die Tür aufgehalten bekommt oder in der Metro sitzt, wenn sie sich nicht traut, daheim den Mund aufzumachen, es sei denn um zu blasen. Welch andere Vorstellung von gelungenem Miteinander kann man denn haben, als dass sich jeder nur um seinen eigenen Scheiß kümmert. Erklärt den Jungs nicht, dass sie sich mal um eine Familie kümmern müssen oder so einen Schrott, sie nehmen die Würde, den Stolz, den solch eine Verantwortung bringt mit Kusshand, lassen sich vielleicht noch einen Bart wachsen, aber kriegen am Ende doch nichts hin. Oh, die hochtrabenden Worte. Ich hab sogar mal was gelesen, da beklagte ein junger Mann die Perfidie unserer Zeit und warum er sich nicht einfach eine Ehefrau nehmen könne, die zuhause bliebe und er würde - seinen Bedürfnissen oder seinem Wesen entsprechend - das eigene Leben außerhalb des ehelichen Hauses gestalten. So ein Haus muss man erst mal bauen! Schinken! Die Gesten dieser Bräutigame sind keinen Pfifferling wert, Staub, graue Luft, viel gewollt und nichts bekommen. Eine traurige Anleitung. Für die Mädchen hab ich heut keine Zeit, muss mich aufs morgige Spiel vorbereiten: Bayern gegen real, ich gegen Aldi.
16.4.12 20:17


Am Samstag im Korb mit Mängelexemplaren vor dem Zeitschriften- und Tabaklädchen in einer Ecke des Königsbaus vor dem Schlossplatz eine fantastische Rowohlt-Ausgabe von Musils 'Mann ohne Eigenschaften' gefunden. So, das nenne ich Fügung; - und einen Haufen Eigenschaften!
16.4.12 00:17


Gestern nach dem Abendessen in der Küche zwei Gläser von Agis Weißwein getrunken. Er trank nicht mit, sondern ging in den Keller trainieren und JJ nahm den Roten aus der Fünf-Liter-Pulle. Ich wollte nichts weiter als nippen, die Idee des Weingeschmacks im Mund mit hinauf ins Zimmer nehmen und so stöhnte ich nach etwa 10 Minuten auf, als ich sah, dass sich der Wein in der Flasche bereits zur Hälfte neigte: "Oh nee, jetzt hab ich wieder fast die halbe Flasche leer gemacht." Da hörte ich aus dem Nebenzimmer Kai, der übrigens tatsächlich Kai Uwe heißt, rufen: "Das hab ich gehört, Elli!" Jedenfalls ist das alles total lässig und freigeistmäßig, was ich da in meinem Leben fabriziere. Da passt auch das irreversible Mediennutzungsverhalten ins Raster, das ich an den Tag lege, also - an die Nacht lege - jedenfalls wenn ich die halbe Nacht damit zubringe, das Internet nach UFO-Sichtungen und Informationen über extra- oder mehrdimensionale Wesen zu durchforsten. Als Anhaltspunkt für eine sagmermal, rudimentäre Meinung zu diesem Thema nehme ich dann für gewöhnlich einen Traum, der mich an die Oberfläche eines fernen Planeten getrieben hat - dort bin ich zwar alleine, weiß um alle zurückgebliebene und verlorengegangene Vertrautheit und dennoch erfüllt mich Vollkommenheit und gespenstisch erleuchtete Wahrnehmung. So - kann man Ort finden. Nicht hier in einem Laubfeld, in einem Erdloch oder auf hohem Gebirge - sondern im undichten Dazwischen. Ohne Zweifel existiert ein Planet. Die praktische Unmöglichkeit, ihn auf natürlichem Wege zu erreichen durchdringt die grundsätzliche theoretische Möglichkeit, sich mit dem ganzen Scheiß-Fleischgepäck an der Seele in ein Schiff zu quetschen, das einen in Milliarden Jahren als Skelett dort auskotzt. Bin auf Arbeit, bin geschäftig.

15:49

Und weil ich jetzt, Stunden später die Augen zusammenkneifen muss, um das Flimmern des Bildschirms zu ertragen und den Kopf auf einem steifen Nacken hin und her drehe, empfinde, als sei die Wüste in mein Herz gezogen - also - als sei ich dehydriert, wenngleich ich ausreichend getrunken und gegessen habe und nächtliche Recherchen mit ausgiebigem Mittagsschlaf ausgewogen werden - kann ich nichts anderes vermuten, als dass meine Neugierde ein fünfdimensionales Wesen auf den Plan gerufen hat, das mir jetzt auf dem Kopf sitzt. Jau, wozu brauch ich da Dimensionen, frag ich. Wozu.

Gestern beim Laufen durch den Wald habe ich ein Buch auf einer Bank gefunden. Es stand aufrecht, drapiert - ein Buch von Peter Stamm. Ohne über hygienische Vorsichtsmaßnahmen nachzudenken, nahm ich es an mich, in der wilden Ahnung, jemand habe es dort hinterlegt und wolle eine Buchtauschbörse initiieren - im Stillen würde ich dann ein anderes Buch dort hinterlegen und wiederum auf ein neues warten. Als ich mich erschöpft, krebsrot und außer Atem in die Rundschaukel auf dem Spielplatz fallen ließ, verabschiedete ich mich allerdings von der Romantik dieser Vorstellung. In meinem erwachsenen Kopf ging ich schlussfolgernd vor:

Ich habe kein Interesse an gefundenen Büchern, sie scheinen mir paradoxerweise vollkommen ungelenk und bar jeder Schicksalhaftigkeit in die Hände gefallen zu sein. Wie soll ich es da lesen bei meiner Abscheu vor Beliebigkeit?

Ich habe kein Interesse an Peter Stamm. Wahrscheinlich weil ich gleich Peter Hahne assoziiere.

Ich habe kein Interesse ein Buch wegzugeben. Wo kämen wir denn hin! Ernsthaft - das würde mir nie in den Sinn kommen, nicht für die schönste Geste auf Erden würde ich ein Buch hergeben. Verleihen ist kein Ding - aber ich habe nicht umsonst Bibliothek studiert und führe Kartei!

Ich habe kein Interesse an Menschen, die ihre Bücher in Wäldern liegen lassen - was sonst muss ich mir darunter vorstellen, als die Absicht sich wichtig zu machen oder Freunde zu finden. Wenn es der alte Kerl gewesen ist, der mit seinem fiesen Hund geifernd hinter einem Busch um die Ecke lauerte, (etwa um zu beobachten, wer das Buch nehmen würde?) wo ich ihn nicht gleich sah, schon gleich dreimal nicht.

An Zeit fehlt es zu guter Letzt ohnehin. Jetzt ist erst einmal Musil dran. Weil ich nicht mies sein wollte, warf ich das Buch immerhin nicht weg, sondern ließ es auf der Schaukel liegen. Zurück zuhause wusch ich mir die Hände, danach streichelte ich den Hund. (Uh!)

Bei aller Verdaulichkeit dieser belanglosen Lebensbetrachtung habe ich nicht vergessen, dass niemals die Absicht der Hinterlegung bestanden haben muss. Zick, zack - in einer Dreiviertelstunde gehe ich nach Hause, dann ist wieder Funkstille.
13.4.12 12:32


Beim Eintüten von Absagen im ersten Auswahlverfahren kommt mir solcher Gedanke:

Wenn es auf Abitur, mündliche Prüfungen oder Polizeiverhöre zu sprechen kommt, gebe ich immer wahrheitsgemäß an, die Führerscheinprüfung sei mit Abstand die belastendste Prüfung meines Lebens gewesen. Tage vorher hatte ich Bauchschmerzen und hinterher setzte ich mich mehrere Wochen nicht hinters Steuer. Für gewöhnlich nimmt man mir das entweder nicht ab oder schüttelt verständnislos den Kopf, daher frage ich nun: warum listet "dieser Herr" in seiner Bewerbung um die hiesige Geschäftsführung noch vor Abitur, Zwischenprüfung, Magister und Promotion seinen Führerschein der Klasse 3 unter dem Stichwort "Prüfungen" auf?

Egal. Absage. Abfahrt.
30.3.12 10:31


Über die verschuldeten Gelder der Staats Tuchfabrik Ekaterinoslaw den Mennoniten der Kolonie Halbstadt Wilhelm Martens für Wolle.
22.01.1836
-(-).04.1836
6 B.
Korrespondenz des Aufsehers Pelech der Kolonie des 2. Bezirks, des Kommis-sariatischen Departements des Verteidigungsministeriums mit dem Fürsorgekomitee über Ordnungsstrafe an der Fabrik über 46.727 Rub., für die im Jahre 1834 gelieferte Wolle. Bitgesuch des W. Martens.
Die Akte ist mit Pilz befallen.
27.3.12 22:43


Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.
27.3.12 00:53


27.02

Heute habe ich die goldenen Löwen gesehen. Leider wagte ich nicht, meine Nase in die Mähne zu drücken und die Flügel zu streicheln. Ich bin sicher, wär ich allein gewesen, einer hätte mich auf seinen Rücken genommen und wäre mit mir davongeflogen, hätte mich fortgebracht: auf ins Reich der Gerechtigkeit!

Im Gostiny Dwor, dem größten Kaufhaus St. Petersburgs, herrscht schon auf der zweiten Etage kaum Publikumsverkehr, daher können Glasperlen und Kronleuchter, Nippes und vergoldeter Kram, Ikonentäfelchen und personalisierbare Orden wuchern - hineinwuchern in die Flure und vor die Fenster. Durch einen Dschungel aus Holzkästchen schlägt man sich über die Wüste von Tischdeckchen und Wandteppichen. Vor den Verkäuferinnen, von denen jeder ein Territorium von zwei auf zwei Meter zusteht, gehe ich instinktiv in Deckung - sie aber beobachten nur - satte Tiere - anders die Kleiderpuppen, deren Anzahl die Menge an Menschen auf dieser Etage bei weitem übersteigt: sie tragen Hut und Mantel.
Nachts muss dieser Gästehof ein Kabinett der Schauerlichkeiten sein. Ob man sich dort fände, würde man zu zweit umherschleichen und wäre instruiert, so leise wie möglich zu suchen? Gewinner wär jener, der den andern zuerst bemerkt hätte und für falschen Alarm gäbs eine katastrophale Strafe: man wäre dazu verdammt, den Rundgang endlos weiterzumarschieren, bei kaum bemerkbarer Steigung und verschwände dann für immer in dunklen Höhen.
23.3.12 16:06


In ihrer Heiterkeit ist sie schnoddrig und all ihre Fragen könnten gemessen an Tonlage und Körperhaltung beinahe unverschämt sein: sie streckt sich mit Vorliebe und gähnt ausgiebig oder hält sich an meinem Tisch fest, während sie den Körper langsam vornüberfallen lässt. Dann schaut sie mich an, wie ein Kind, wie Unschuld, so, als sei zu fragen keine Schande! Die neue Praktikantin macht mich fertig.
16.3.12 12:04


Vor bald 10 Jahren habe ich die erste Zigarette geraucht. Die Kulissen für diese Weltreise habe ich mir recht klischeehaft selbst angemalt und aufgestellt, und bin danach – ahnungslos – direkt auf die Bühne gestolpert, hinein in die Szene, in der ich zwangsläufig die erste Stufe hinab spazierte, "zu Gleis 3", namentlich geradewegs auf die schiefe Bahn.
Es war in einer Mittagspause und ich – ging mit denen, nach deren Gesellschaft ich mich im Stillen immer gesehnt hatte, selbst wenn ich ihre augenscheinliche Lässigkeit öffentlich verachtete. Natürlich musste ich fürchten, der Heuchelei überführt zu werden: mit den Gewissensbissen gegenüber meinen Eltern will ich gar nicht anfangen. [...]

Süchtig, als subjektive Vorstellung von diesem Zustand, kann ich mich nicht nennen. Manchmal fasse ich wochenlang keine Zigarette an und von Zügen, die ich ungeplant nehme, muss ich sowieso kotzen. Wenn ich in der S-Bahn sitze und zufällig, etwa von der letzten Party, noch eine Schachtel Zigaretten bei mir habe, überlege ich mir ganz genau, auf welcher Wegstrecke ich rauchen möchte und zünde sie mir nach diesem Zeitplan an. Und wenn ich dann also wagemutig die Hand vor die Flamme halte, ist es meist eine Bucht, die ich dem Wind forme und nicht etwa ein Schutzschild gegen ihn. Habe ich ein windstilles Nest für die Glut gebaut, beobachte ich angestrengt, ob die gesamte Fläche des Tabaks, eingeschlossen in einen Ring aus Papier am vorderen Ende der Zigarette glüht bevor ich an ihr ziehe. Dann ziehe ich, ziehe wie ein Ertrinkender an seinem Halm und habe die Stimmen von damals im Ohr: den ersten Zug nicht inhalieren! Ich atme, ich stoße die Luft aus, fege die Lunge leer!
Wenn ich dann die Straße entlang laufe, meinen Schatten anhimmle, wie mein kurzes Haar im Wind geht, gelingen mir vielleicht sechs Züge, dann ist die Kippe eh runtergebrannt. Tatsächlich frag ich mich, ob mir irgendjemand das Rauchen überhaupt abnimmt! Vielleicht denkt sich so mancher, dem ich mit konzentriertem Blick gen Horizont begegne, ob ich eine Kaugumizigarette aus dem Süßigkeitenregal vom Bäcker im Mundwinkel hängen habe. Im Mundwinkel, wovon red' ich. Ich hab sie doch zwischen den Fingern und asche nach jedem Zug – auch dabei bemüht, als würd es darum gehen, einen dafür vorgesehenen Fleck auf dem Asphalt zu erwischen. Selbst mit meinen kurzen Haaren ernte ich erstaunte Blicke, wenn ich in einer Runde eine Zigarette zücke oder mir vom Tabak meiner Bekannten eine drehe – obwohl mir das erstaunlicherweise wunderbar gelingt. Nun, drehen lässt sich üben ohne Würg'reiz nach der zweiten Kippe in Folge. Jedenfalls ist für mich, selbst mit bald 25 Jahren nicht abzusehen, was mir eine Zigarette bedeuten wird: Überwindung oder Genuss.
15.3.12 10:07


Seit Tagen quäle ich mich mit den Bruchstücken von brauchbarem Material aus St. Petersburg. Da ich zu keinem Schluss komme, beginne ich also mit belanglosen Gesprächen in einer Bar, zeichne dabei den Parka des jungen Partisanen, das Buch hat er in einer Tasche, die dem Beutel eines Kängurus ganz ähnlich sieht. Später laufe ich über zu den Tänzern im Schlaf: über mir ein Wasserloch in der Serengeti, Zebras, Nashörner und Horden von Giraffen scharen sich darum - um mich schart sich das Kissen, die Kälte erschreckt mich, ich lege meine Hände flach zwischen die Beine. Am nächsten Morgen fülle ich den Restwodka aus meiner Trinkflasche mit Wasser und O-Saft auf, danach betrete ich das Schlachtfeld einer Batterie, begebe mich zwischen Schächte und Schluchten eines Motherboards.

Ich träume von meinem Geburtsdatum und wie ich es umtausche gegen einen Tag im Mai. Schon während ich mich vom 27. März lossage, geht mir der Verlust schmerzlich in die Hände - als Kind bin ich geboren, doch sterben werd ich nicht als Kind. Ich gehe aufs Amt und änder den Tag meiner Geburt.
12.3.12 23:22


Wir lieben Formen und Farben

a
12.3.12 22:13


4.3
Im Dunkeln schreib ich: der Himmel in St. Petersburg heißt Finnland und Moskau ist das Tor zu Asien. Zumindest im Verhältnis zur Anzahl der Personen, die mich in St. Petersburg zwangslos ansprechen, kann in S. keine Menschenseele leben. Sei es in einer Bar von einem Geschichtsstudenten, dessen Thesen nur krude klingen, weil er wegen des Whiskeys so unverständlich lallt, dass ich falsch verstehe oder weil er tatsächlich verrückt ist. Auch Verächter kollektiver Freude oder die alte Dame in einer Loge des Mariinsky-Theaters wenden sich vertrauensvoll an mich. Sie erzählt mir von ihren Reisen, bis zum heutigen Tag unternimmt sie ihre Bustouren alleine. München ist ihr Paradies, der Odeonsplatz! Nur dort kauft sie Schuhe. Sie erzählt von Sizilien und wie häufig sie schon im Ballett gewesen sein muss, gerade in dieser Loge gewiss schon über vierhundert Mal. Die Garderobieren kennt sie mit Namen, die Artisten auch.

An die Wand gelehnt, beobachte ich langbeinigen Gazellen, wie sie die vier Etagen der Bar hoch und hinunterlaufen. Tatsächlich ist gerade ein Mädchen bestimmt das fünfte Mal an mir vorbei. Ein Verächter kollektiver Freude beugt sich zu mir und fragt, als sei nun ich an der Reihe, als sei es meine Pflicht aktive Wahrnehmung zu opfern, differenzierende Analysen zu präsentieren, ob ich das nicht alles lächerlich, zum Lachen finde! Natürlich fragt er auf Russisch und ich antworte in seiner Sprache, weil sich die Sicherheit meiner Aussprache über einzelne Phrasen hinaus mittlerweile auch in freien Sätzen zeigt. Meine unverbindliche Antwort ermutigt ihn. Er erzählt, dass er seit einem halben Jahr keinen Menschen mehr gesprochen hat, er sei nur daheim gewesen, bei seiner Tante, die er überdies nicht kannte, bis er nach St. Petersburg kam und habe gelesen. Er zieht ein Buch aus seiner Tasche, was mich wundern lässt, dass es ihm nicht am Eingang abgenommen worden ist, anderseits kann es auch seine Eintrittskarte gewesen sein. Weil ich bemerke, dass die dünne Eisschicht meiner Sprachgewandtheit unter Lärm, Alkohol und wegen komplizierter Gedanken, die mit einfachem Vokabular nicht auszudrücken sind, zu krachen beginnt, bitte ich ihn, ins Englische zu wechseln, womit er keine Probleme hat. Wir quasseln also typisches Studentenzeug und ich beende das Gespräch mit einem Satz, zu dessen hanebüchener Weisheit ich mir, innerlich schallend lachend, herzlich gratuliere. Weil er sagt, dass er seine Einsamkeit im letzten halben Jahr nicht bereut, falle ich ihm ins Wort: "…and you shouldn't, - the time you spend alone is very precious, because you get to learn so much about yourself." Als er noch fragt, wo ich studiere, ist er erstaunt - er sei der Meinung gewesen, ich sei Russin, sähe auch so aus und habe ihn lediglich zu Übungszwecken darum gebeten, mit mir Englisch zu sprechen, "um etwas von ihm zu lernen." Und dann muss ich tatsächlich analysieren: bin ich belustigt, geschmeichelt? Sollte ich stattdessen alamiert oder gar bestürzt sein?
12.3.12 13:21


Na dann, alles gute zum Valentinstag. Ich grüße meine Lieblinge im vergangenen Jahr:

Twin Peaks
American Dad
Gin mit Cola
14.2.12 15:51


Wegen einer Filmankündigung sehe ich seit einigen Wochen sämtliche Publikationsorgane aller landesgeschichtlicher Vereinigungen in Baden-Württemberg durch. Heute stieß ich auf eine spätsommerliche Fotografie eines kleinen Ortes im Schwarzwald - er erinnert mich sehr an M., dort bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Alles was ich unweigerlich damit verbinde ist ein gezielter Angriff aufs Bewusstsein, weil diese kleinen Orte mit den leeren Hausaugen und langezogenen Schulbauten, wenn sie sich in den bewaldeten Hang lehnen oder frei wie die Industrie höchstelbst in der Landschaft stehen, nicht müde werde anzudeuten, dass es so vieles gibt, was mir nicht präsent und bewusst ist. So viel geschieht. Nehmen wir die Brüder, die über dem NKD eingezogen sind. Sie nehmen Drogen. Zur Schulzeit nahm ich meine Umgebung nach 12 Uhr nur schemenhaft wahr - heute regiert die Schemenhaftigkeit dort überall und zu jeder Zeit. Nur im Haus meiner Eltern sehe ich mich klar, dann in meinem Zimmer, wenn ich über Mäntel schreibe, die 20.000 Jahre schon im Schrank hängen, die ich mir überziehe, Stunden im Badezimmer verbringe, aufs Dach steige, Liebe ersinne und Verrat und den Alkohol kennenlerne, namentlich im Wein des Vaters, die Flasche überm Kühlschrank, ein Glas zur Nacht und Ruhe ist mir gewiss. So geht das - von den Schemen bewege ich mich vorwärts zu klaren Konturen, anders bricht mir - mal wieder - die Brust ein.


Mir fällt auf, in der Hauptsache schreibe ich ja immer nur über mich. Aber das ist wohl auch der Sinn eines blogs.
10.2.12 16:10


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